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Roaming-Urteil München: Werden Ladekarten jetzt billiger?

Roaming-Urteil München: Werden Ladekarten jetzt billiger?

Das Wichtigste in Kürze

  • LG München I erklärt hohe Roaming-Aufschläge für diskriminierend nach AFIR
  • EWE Go verlangte 83,7 ct/kWh, eigene Kunden zahlten nur 52 ct/kWh
  • Urteil ist nicht rechtskräftig und entfaltet keine automatische Bindungswirkung
  • CPOs könnten Roaming senken oder eigene Tarife verteuern
  • Schadenersatz für DCS seit 13. April 2024 möglich

Ein Urteil des Landgerichts München I könnte den deutschen Lademarkt ordentlich durcheinanderwirbeln. Es trifft mit EWE Go einen Ladepunktbetreiber, mit DCS einen großen Mobilitätsdienstleister und urteilt im Kern: Wer an derselben Säule fremde Anbieter über den Tisch zieht, hat ein Argumentationsproblem.

Was genau hat das Gericht entschieden?

Frau in grüner Jacke blickt angespannt auf ihr Smartphone und hält eine Ladekarte an einer E-Auto-Ladestation im Freien

Im Streit zwischen Digital Charging Solutions (DCS) und EWE Go ging es um die Frage, wie viel ein Ladepunktbetreiber (CPO, Charge Point Operator) einem Mobilitätsdienstleister (eMSP, E-Mobility Service Provider) pro Kilowattstunde in Rechnung stellen darf. Das Gericht entschied, dass der CPO dem eMSP nicht ohne ausreichende Begründung deutlich höhere Preise berechnen darf als seinen eigenen Vertragskunden. Damit setzt die Kammer der Preisgestaltung an öffentlichen Ladepunkten erstmals enge juristische Schranken.

Gemessen wurde das Urteil an Artikel 5 Absatz 3 der europäischen Alternative Fuels Infrastructure Regulation (AFIR). Diese Vorschrift verbietet Diskriminierung sowohl zwischen Endkunden und Mobilitätsdienstleistern als auch zwischen verschiedenen Mobilitätsdienstleistern. Unterschiedliche Preise sind demnach weiter möglich, müssen aber verhältnismäßig und objektiv gerechtfertigt sein.

Das Aktenzeichen lautet 33 O 2062/25. Wichtig zu wissen: Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Wie krass war der Preisunterschied bei EWE Go?

Die Zahlen aus dem Streit lesen sich für E-Auto-Fahrer ziemlich ernüchternd. Zum Stichtag 1. Januar 2025 verlangte EWE Go von Mobilitätsdienstleistern wie DCS einen sogenannten Offer2All-Preis von 83,7 Cent je Kilowattstunde. Ad-hoc-Kunden zahlten direkt an der Säule 79 Cent. Wer jedoch registrierter EWE-Go-Kunde war, kam an derselben Ladesäule mit 52 Cent pro Kilowattstunde davon.

Der Einkaufspreis für den Roaming-Anbieter lag damit rund 60 Prozent über dem internen Vertragstarif. Hinzu kam eine Blockiergebühr von 10 Cent pro Minute netto, die ausschließlich Mobilitätsdienstleister traf. Wer fremde Kunden an seine Säulen ließ, zahlte also doppelt drauf: beim Strompreis und beim Stehenbleiben.

Warum sehen sich eMSPs eigentlich benachteiligt?

Der Mechanismus ist für Verbraucher auf den ersten Blick kaum zu durchschauen. CPOs können ihren eigenen Endkundentarif bewusst günstig anbieten und gleichzeitig von fremden Mobilitätsdienstleistern deutlich höhere Großhandelspreise verlangen. Der eMSP muss also teuer einkaufen und obendrauf noch eigene Kosten und Margen finanzieren, bevor beim Fahrer überhaupt ein Preis auf dem Display erscheint.

DCS-Chef Jörg Reimann bringt das Problem auf den Punkt: Ein Mobilitätsanbieter könne kaum ein wettbewerbsfähiges Angebot machen, wenn bereits sein Einkaufspreis wesentlich über dem Endkundenpreis des Betreibers liege. Genau diese Schieflage will das Gericht nun korrigiert sehen.

  • Der Einkauf liegt über dem Endkundenpreis des CPOs.
  • Eigene Kosten wie Abrechnung, Hotline und IT kommen hinzu.
  • Margen der eMSPs schmälern die Preisspanne weiter.
  • Endkunden merken davon nichts direkt, zahlen aber mehr pro kWh.

Der Ladeinfrastrukturverband CharGER weist gleichzeitig darauf hin, dass das Urteil kein grundsätzliches Verbot unterschiedlicher Preise darstellt. Es setzt aber einen neuen Maßstab dafür, wie solche Unterschiede künftig begründet werden müssen.

Was bedeutet das jetzt konkret für dich als E-Auto-Fahrer?

Du solltest erstmal keine schnelle Preissenkung an der Säule erwarten. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Erstens ist das Urteil nicht rechtskräftig. EWE Go hat angekündigt, zunächst die schriftliche Begründung zu prüfen und anschließend über das weitere Vorgehen zu entscheiden. Inhaltlich äußert man sich derzeit nicht.

Zweitens entfaltet eine Entscheidung eines Landgerichts keine automatische Bindungswirkung für andere CPOs. Sie ist kein Pilotverfahren im kartellrechtlichen Sinne, sondern gilt zunächst nur zwischen den beiden Streitparteien.

Drittens gibt es mehrere Reaktionsmöglichkeiten für die Betreiber, die in die andere Richtung gehen könnten:

  • Roaming-Einkaufspreise werden gesenkt, damit eMSPs wieder mitspielen können.
  • Besonders günstige Eigentarife werden verteuert, um die Spanne zu verkleinern.
  • Roamingaufschläge bleiben, werden aber mit nachvollziehbaren Mehrkosten begründet.

Wenn der Einkaufspreis für eMSPs in Richtung des CPO-Endkundenpreises sinkt, entsteht für Anbieter wie DCS überhaupt erst Spielraum für attraktivere Roamingangebote. Heißt konkret: Deine Ladekarte könnte langfristig günstiger werden, ohne dass du überhaupt verhandelst. Kurzfristig passiert das aber nicht automatisch, und die eMSPs werden weiterhin eigene Gebühren und Margen berechnen dürfen.

Löst das Urteil das App-Chaos?

Fünf verschiedene Ladekarten für E-Autos fächerförmig auf dunklem Untergrund neben Autoschlüssel und Ladekabel

Vielleicht, aber nur auf Umwegen. Der heutige Flickenteppich aus Apps, Ladekarten, Ad-hoc-Preisen und Roamingtarifen gilt seit Jahren als eines der größten Ärgernisse beim öffentlichen Laden. Wenn Roaming fairer wird, wird es für dich weniger entscheidend, an einer bestimmten Säule die passende Betreiber-App zu besitzen. Damit würde ein zentrales Alltagsproblem der Elektromobilität tatsächlich kleiner.

Das Gericht sprach DCS zudem grundsätzlich Schadenersatz für seit dem 13. April 2024 entstandene Schäden zu. EWE Go soll hierfür Auskunft erteilen und Rechnung legen. Wie hoch eine mögliche Zahlung ausfallen würde, ist bislang offen.

Mein Fazit

Das Urteil ist juristisch stark, praktisch aber noch ein Kettenglied, nicht der letzte. EWE Go könnte in Berufung gehen, andere CPOs beobachten das Verfahren genau, und die AFIR bleibt Auslegungssache. Wer jetzt auf sinkende Preise an der Säule spekuliert, wird enttäuscht. Wer die Grundrichtung ernst nimmt, sieht eine Industrie, in der sich das Geschäftsmodell „günstiger Eigentarif plus saftiger Roamingaufschlag“ nicht mehr einfach fortschreiben lässt. Das ist eine gute Nachricht für deinen Geldbeutel, auch wenn sie sich erst verzögert auszahlt.

Häufige Fragen

Was hat das LG München I im Roaming-Streit entschieden?

Das Gericht entschied, dass der Ladepunktbetreiber EWE Go dem Mobilitätsdienstleister DCS nicht ohne ausreichende Begründung deutlich höhere Preise berechnen darf als seinen eigenen Vertragskunden. Das Aktenzeichen lautet 33 O 2062/25.

Wie groß war der Preisunterschied an EWE-Go-Säulen?

Zum 1. Januar 2025 lag der Offer2All-Preis für eMSPs bei 83,7 Cent je kWh, während registrierte EWE-Go-Kunden an derselben Säule 52 Cent je kWh zahlten. Hinzu kam eine Blockiergebühr von 10 Cent pro Minute netto für Mobilitätsdienstleister.

Wird Laden mit Ladekarten jetzt sofort günstiger?

Nein. Das Urteil ist nicht rechtskräftig, betrifft zunächst nur den konkreten Streit zwischen DCS und EWE Go und entfaltet keine automatische Bindungswirkung für andere Betreiber. Branchenstimmen warnen zudem, dass CPOs ihre eigenen Tarife stattdessen anheben könnten.

Welche rechtliche Grundlage hat die Entscheidung?

Das Urteil stützt sich auf Artikel 5 Absatz 3 der europäischen AFIR, der Diskriminierung bei Preisen gegenüber Endkunden und zwischen Mobilitätsdienstleistern verbietet. Unterschiedliche Preise bleiben erlaubt, müssen aber verhältnismäßig und objektiv gerechtfertigt sein.

Quelle: elektroauto-news.net. Stand: 08.10.2026.
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