Das Wichtigste in Kürze
- Ab 1. Oktober 2026 sind in Österreich Peer-to-Peer-Verträge für regionalen Strom erlaubt
- Geeignet für private PV-, Wind- und Kleinwasserkraftwerke
- Konditionen regeln Erzeuger und Abnehmer direkt, ohne Verein oder Genossenschaft
- Sonnenwert übernimmt Anmeldung, Netzbetreiber-Abwicklung und Abrechnung
- Ab Januar 2027 sinken Netzentgelte fürs Stromteilen im Nahebereich
Strom von der eigenen PV-Anlage direkt an den Nachbarn verkaufen, ganz ohne Energiegemeinschaft und ohne Verein. In Österreich ist genau das ab dem 1. Oktober 2026 möglich. Klingt nach einer Randnotiz für ein paar Dörfer, ist aber ein echter Bruch mit dem alten Bild vom Strommarkt: weg vom zentralen Lieferanten, hin zum Vertrag unter Nachbarn.
Was ist ein Peer-to-Peer-Vertrag überhaupt?

Bei einem Peer-to-Peer-Vertrag, kurz P2P, handeln zwei Seiten den Strom direkt miteinander aus. Der Erzeuger, etwa ein Haushalt mit Photovoltaik, auf der anderen Seite ein Abnehmer, zum Beispiel ein nahe gelegenes Unternehmen oder ein anderes Privatgrundstück. Beide regeln Preis, Menge und Lieferzeiten selbst.
Im österreichischen Modell ist dafür kein Verein, keine Genossenschaft und keine komplizierte Energiegemeinschaft nötig. Das senkt die Einstiegshürde enorm, weil weder Satzung noch gemeinsame Verwaltung organisiert werden müssen. Wer den Strom will, schließt einen Vertrag. Wer ihn hat, verkauft ihn. Fertig.
Geeignet ist das Ganze laut Sonnenwert für Strom aus privaten Photovoltaikanlagen, aus Windenergieanlagen und aus Kleinwasserkraftwerken. Also genau die Quellen, die in vielen Regionen ohnehin schon für Überschuss im Sommer sorgen.
Warum ist der Start am 1. Oktober 2026 relevant?
Mit dem Stichtag öffnet Österreich die Tür für eine Praxis, die vorher nur über Energiegemeinschaften abgebildet werden konnte. Das Modell richtet sich an Erzeuger mit Überschuss und an Verbraucher, die gezielt regionalen Strom wollen, ohne ihren bestehenden Lieferanten zu wechseln.
Für Produzenten bedeutet das vor allem eines: planbare Erlöse. Statt die Überschüsse zu schwankenden Marktpreisen ins Netz einzuspeisen, lässt sich ein fester Abnehmer finden, mit dem die Konditionen langfristig festgelegt werden. Für Abnehmer, etwa produzierende Unternehmen, bedeutet es das Gegenteil: planbarer Bezug von regionalem Strom zu vertraglich fixierten Bedingungen, also ein Stück Unabhängigkeit vom Großhandelspreis.
Welche Rolle spielt der Anbieter Sonnenwert?
Sonnenwert, eine Tochter des PV-Anbieters Hansesun aus Vorarlberg, ist seit der Gründung 2023 auf Energy Sharing spezialisiert. Mit dem neuen Modell kümmert sich das Unternehmen um die Anmeldung der Verträge, um die Abwicklung mit dem Netzbetreiber und um die laufende Abrechnung.
Genau dieser Service ist der entscheidende Punkt. Ein P2P-Vertrag steht und fällt mit der Frage, wie Strommengen erfasst, zugeordnet und abgerechnet werden. Sonnenwert nimmt Erzeugern und Abnehmern diesen Teil ab. Damit wird der Vertrag für beide Seiten überhaupt erst praktikabel.
Was Sonnenwert konkret übernimmt
- Anmeldung der Verträge beim Netzbetreiber
- laufende Abrechnung zwischen Erzeuger und Abnehmer
- Abwicklung aller Formalitäten rund ums Stromteilen
Was ändert sich ab Januar 2027 bei den Netzentgelten?
Ein zweiter Stichtag folgt nur wenige Monate später. Ab Januar 2027 reduzieren sich die Netzentgelte fürs Stromteilen im Nahebereich. Heißt konkret: je näher Erzeuger und Abnehmer beieinander liegen, desto günstiger wird der Netzbetriebsanteil.
Das ist eine bewusste Lenkung. Wer den Strom über die kurze Distanz teilt, belastet das Netz weniger als ein Stromfluss über viele Netzebenen hinweg. Das belohnt das Modell mit niedrigeren Entgelten und macht P2P-Verträge zwischen Haushalten und nahe gelegenen Betrieben wirtschaftlich noch interessanter.
Warum gerade Vorarlberg als Modellregion taugt

Geschäftsführer Peter Böhler sieht Vorarlberg als idealen ersten Markt für Peer-to-Peer-Strom. Die Begründung dafür liegt laut Sonnenwert in drei Punkten.
- ausgezeichnete Netzsituation für dezentralen Strom
- energieintensive Industrie als mögliche Abnehmerin
- starke mittelständische Unternehmen vor Ort
Die Kombination aus viel Eigenproduktion, einem stabilen Netz und einer Abnehmerseite, die Strom wirklich braucht, macht die Region zum logischen Testfeld. Wer als Erzeuger Strom übrig hat, findet hier eher einen Abnehmer als in dünn besiedelten oder industriearmen Regionen.
Was bleibt offen, bevor das Modell wirklich trägt?
Der Nutzen ist für beide Seiten vorhanden, aber nicht automatisch da. Drei Punkte entscheiden, ob P2P in Österreich mehr wird als ein Nischenthema.
- Vertragstreue: Solange beide Seiten liefern, was sie versprochen haben, funktioniert das Modell. Wenn eine Anlage ausfällt oder ein Abnehmer plötzlich weniger braucht, wird es unangenehm.
- Physische Realität: Wer morgens Solarstrom im Überschuss hat, aber der Nachbar braucht genau dann Strom, wenn die eigene Anlage schläft, braucht weiterhin das öffentliche Netz als Ausgleich. P2P ersetzt es nicht, es ergänzt es.
- Servicequalität: Sonnenwert nimmt mit Anmeldung und Abrechnung eine Schlüsselrolle ein. Wenn dieser Dienst in der Breite sitzt, kann das Modell skalieren. Wenn nicht, bleibt es eine schöne Idee für ein paar privilegierte Dörfer.
Mein Fazit
Österreich macht mit Peer-to-Peer-Verträgen einen mutigen Schritt. Die Logik ist überzeugend: wer Strom erzeugt, soll ihn direkt verkaufen können, ohne Verein, ohne Genossenschaft, ohne Energiegemeinschaft. Kombiniert mit den sinkenden Netzentgelten ab 2027 wird das Modell nicht nur bürokratisch einfacher, sondern auch wirtschaftlich attraktiver.
Trotzdem ist Skepsis angebracht. Der Teufel steckt in der Abrechnung, in der exakten Zuordnung von Kilowattstunden und in der Frage, wie Streitfälle zwischen Erzeuger und Abnehmer gelöst werden. Sonnenwert nimmt mit Service und Abwicklung eine Rolle ein, die über Erfolg oder Frust des Modells entscheidet. Wenn das in Vorarlberg funktioniert, hat P2P das Zeug zum europäischen Vorbild. Wenn nicht, war es ein guter Test, der trotzdem keiner war.
Häufige Fragen
Ab wann sind Peer-to-Peer-Stromverträge in Österreich möglich?
Ab dem 1. Oktober 2026 dürfen Erzeuger und Verbraucher in Österreich den Absatz von regional erzeugtem Strom direkt untereinander verhandeln.
Welche Anlagen kommen für P2P-Verträge infrage?
Geeignet sind laut Sonnenwert private Photovoltaikanlagen, Windenergieanlagen und Kleinwasserkraftwerke.
Welche Aufgaben übernimmt Sonnenwert beim Stromteilen?
Das Unternehmen kümmert sich um die Anmeldung, die Abwicklung mit dem Netzbetreiber und die laufende Abrechnung der Peer-to-Peer-Verträge.
Was ändert sich bei den Netzentgelten fürs Stromteilen?
Ab Januar 2027 sinken die Netzentgelte für Strom, der im Nahebereich geteilt wird, je näher Erzeuger und Abnehmer beieinander liegen.