Das Wichtigste in Kürze
- Fervo speist seit 24. September 2026 Strom aus Cape Station Block 1 ins Netz
- Erster Block leistet 33 MW, Phase I kommt auf rund 100 MW, Phase II auf 500 MW
- Technik heisst Enhanced Geothermal System, in Deutschland petrothermale Geothermie
- Investitionskosten Phase I rund 6.150 Euro je Kilowatt, Phase II rund 4.830 Euro
- Shell Energy, Google, Southern California Edison und Clean Power Alliance sind Abnehmer
Warum Cape Station mehr ist als ein weiteres Geothermiekraftwerk

Stell dir ein Kraftwerk vor, das seine Wärme aus Gestein holt, in dem von Natur aus kein einziger Tropfen Wasser fliesst. Genau das passiert seit Ende September 2026 im Beaver County in Utah. Fervo Energy hat dort den ersten Block der Cape Station ans Netz gebracht, am 24. September floss erstmals Strom. Ab dem 1. Oktober läuft der Block kommerziell, der Abnehmer heisst Shell Energy, ein kalifornischer Stromversorger. Damit ist die Anlage nach Einschätzung des US-Fachmediums Canary Media das weltweit erste Geothermiekraftwerk der nächsten Generation, das Strom in Kraftwerksgrosse verkauft.
Was hier neu ist, liegt nicht in der Geothermie an sich, sondern in der Art, wie Fervo an die Wärme kommt. Du musst dir das so vorstellen: klassische Geothermie braucht eine natürliche Wasser- oder Dampfquelle im Untergrund, oft in Vulkanregionen. Im Süden Utahs gibt es heisses Gestein, aber keine natürlichen Wege für Wasser. Fervo bohrt deshalb horizontal und frackt das dichte Tiefengestein, mit Techniken, die eigentlich aus der Öl- und Gasindustrie stammen. So entsteht künstlich ein Netz aus Rissen, durch das Wasser zirkuliert, sich aufheizt und die Wärme an die Oberfläche trägt. International heisst das Enhanced Geothermal System, kurz EGS. In Deutschland spricht man von petrogermaler oder petrothermaler Geothermie.
Was Enhanced Geothermal technisch von klassischer Geothermie unterscheidet
Der entscheidende Unterschied liegt im Reservoir. Bei klassischer Geothermie liefert der Untergrund die Wärme und das Trägermedium gleich mit, Wasser oder Dampf, das in durchlässigem Gestein natürlich vorkommt. Bei EGS liefert der Untergrund nur die Wärme, das Trägermedium musst du selbst in den Kreislauf bringen. Genau hier setzt Fervo an. Das Unternehmen bohrt in Tiefen, die für Geothermie ungewöhnlich sind, das Bohrloch Sawtooth 7 erreichte nach 21 Tagen rund 5.900 Meter Tiefe, das Gestein dort hat rund 238 Grad Celsius. Fervo spricht selbst von einem Bohrrekord.
Pilotiert hatte Fervo das Verfahren bereits in Nevada. Die Anlage Project Red ging Ende 2023 mit 3,5 Megawatt ans Netz. Cape Station ist jetzt der Sprung in den kommerziellen Massstab. Der erste Block leistet 33 Megawatt, zwei weitere Blöcke sollen bis zum 1. Januar 2027 folgen, dann steht Phase I mit rund 100 Megawatt. Eine zweite Phase mit weiteren 400 Megawatt ist bereits in Bau, Inbetriebnahme ist für 2028 geplant. Insgesamt käme Cape Station damit auf 500 Megawatt.
Was kostet das, und wie schlägt sich EGS gegen ein Gaskraftwerk?
Geothermie ist kapitalintensiv, dafür hat sie keinen Brennstoffpreis. Fervo nennt gegenüber Canary Media für Phase I Investitionskosten von rund 6.150 Euro je Kilowatt. Für Phase II sollen es nur noch rund 4.830 Euro je Kilowatt sein. Ein neues Gaskraftwerk kostete in den USA 2025 laut BloombergNEF im Schnitt rund 1.900 Euro je Kilowatt. Auf den ersten Blick ist Gas also günstiger zu bauen, aber beim Gaskraftwerk kommen dauerhaft Brennstoffkosten hinzu, bei der Geothermie nicht. Über die Lebensdauer kann sich das Bild also drehen, zumal Fervo die Kosten mit jeder Phase weiter senken will.
Die gesamte Cape Station kostet rund 1,76 Milliarden Euro, umgerechnet rund 2 Milliarden Dollar. Eine stolze Summe, die zeigt, wie kapitalintensiv der Einstieg in eine neue Geothermiegeneration ist. Damit du das einordnen kannst: Fervo ist seit Mitte Mai 2026 an der Nasdaq notiert. Der Börsengang brachte brutto rund 1,66 Milliarden Euro ein, im zweiten Quartal setzte das Unternehmen aber nur rund 97.000 Euro um und verbuchte einen Nettoverlust von rund 49 Millionen Euro. Für 2027 erwartet Fervo einen Umsatz von rund 53 bis 70 Millionen Euro. Die Anlaufphase bremsen nach Unternehmensangaben Engpässe beim Netzanschluss.
Wer kauft den Strom, und warum interessiert sich Google dafür?
Strom aus tiefer Geothermie hat eine Eigenschaft, die im Stromsystem der Zukunft Gold wert ist: er ist grundlastfähig und trotzdem steuerbar. Forschende der Princeton University haben gemeinsam mit Fervo-Mitarbeitern in der Fachzeitschrift Nature Energy durchgerechnet, welche Rolle EGS im Stromsystem spielen kann. Demnach können Betreiber das Reservoir als Speicher nutzen und den Strom gezielt einspeisen, etwa abends, wenn der Solarstrom wegfällt. Das senke die Kosten des gesamten Stromsystems, weil weniger andere Kraftwerke in Reserve stehen müssen.
Genau dieses Profil überzeugt grosse Abnehmer. Shell Energy nimmt in Kalifornien den Strom aus Block 1 ab. Google hat am 1. September einen Liefervertrag über 396 Megawatt für Phase II unterschrieben. Damit hängt der 500-Megawatt-Ausbau direkt an einem Hyperscaler. Weitere Abnehmer an der Cape Station sind Southern California Edison und die Clean Power Alliance mit 18 Megawatt. Insgesamt hat Fervo nach eigenen Angaben bereits Abnahmeverträge über rund 900 Megawatt geschlossen, die Konditionen legt das Unternehmen nicht offen. Dawn Owens, die bei Fervo Projektentwicklung und Vertrieb leitet, nennt gegenüber Canary Media einen zweiten Weg, wie Geothermie das Netz entlasten kann: Fervo könne Rechenzentren direkt hinter dem Zähler versorgen, damit die Kosten des Netzausbaus nicht bei Haushaltskunden landen.
Was bedeutet Cape Station fuer dich in Deutschland?

Du fragst dich jetzt vermutlich, was ein Kraftwerk in Utah mit deinem Stromtarif in Hamburg, Köln oder München zu tun hat. Die direkte Antwort: erstmal nichts, Stromleitungen zwischen den Kontinenten gibt es nicht. Trotzdem ist Cape Station ein Signal, das du ernst nehmen solltest, denn EGS ist kein exotisches Nischenthema mehr, sondern eine Technik, die im grossen Stil Strom liefern kann.
Anderswo in Deutschland wird das bereits ausprobiert, nur mit einer anderen Spielart. In Geretsried bei München speist das kanadische Unternehmen Eavor seit Dezember 2025 Strom ins Netz, allerdings in einem geschlossenen Kreislauf ohne Fracking. Stadtwerke nutzen Tiefengeothermie hierzulande vor allem für Fernwärme, Strom aus Erdwärme bleibt eine Nische. Seit 2026 gilt das Geothermie-Beschleunigungsgesetz, bis 2030 peilt der Bund 10 Terawattstunden Erdwärme an. In den USA stammen laut Canary Media bislang rund 0,4 Prozent des Stroms aus Geothermie, ein Wert, den Cape Station perspektivisch nach oben drücken kann.
Welche Gegenargumente du im Kopf behalten solltest
So beeindruckend die Zahlen klingen, Cape Station ist kein Selbstläufer. Drei Punkte solltest du kritisch mitdenken.
- Fracking bleibt umstritten. EGS nutzt Techniken aus der Öl- und Gasindustrie, um Risse im Gestein zu erzeugen. In Deutschland ist Fracking in der Tiefengeothermie politisch heiss diskutiert, Geretsried zeigt, dass es auch ohne geht, allerdings mit anderen Tiefen und Kosten.
- Die Kostenkurve ist eine Prognose. Fervo verspricht für Phase II rund 4.830 Euro je Kilowatt, rund ein Fünftel weniger als in Phase I. Ob das wirklich eintritt, wird sich erst 2028 zeigen. Erfahrungsgemäss sind solche Lernkurven keine Physik, sondern Disziplin im Projektmanagement.
- Die Anlaufphase ist teuer. Im zweiten Quartal 2026 machte Fervo rund 97.000 Euro Umsatz und rund 49 Millionen Euro Verlust. Das Unternehmen wächst, aber es verbrennt Kapital, und Engpässe beim Netzanschluss bremsen den Anlauf zusätzlich.
Mein Fazit
Cape Station ist der erste echte Stresstest für Enhanced Geothermal im kommerziellen Massstab, und das ist die eigentliche Nachricht. Wenn Fervo die Phase II mit rund 4.830 Euro je Kilowatt und 500 Megawatt tatsächlich 2028 ans Netz bringt, hast du in den USA eine grundlastfähige, steuerbare, CO2-arme Stromquelle, die ohne Brennstoffpreis auskommt. Das ist genau das Profil, das ein Stromsystem mit viel Wind und Solar braucht, und es erklärt, warum Google als Abnehmer einsteigt.
Für dich in Deutschland heisst das: beobachte das Projekt genau, aber rechne nicht damit, dass bei dir morgen ein Fervo-Kraftwerk in den Vorgarten gebohrt wird. Der europäische Weg führt eher über geschlossene Kreisläufe wie in Geretsried und über die Fernwärme, die das Geothermie-Beschleunigungsgesetz bis 2030 auf 10 Terawattstunden bringen soll. Cape Station zeigt, was technisch möglich ist, den Beweis, dass es auch wirtschaftlich skaliert, muss die Anlage aber erst noch liefern.
Häufige Fragen
Was ist die Cape Station und wo steht sie?
Die Cape Station ist ein Geothermiekraftwerk im Beaver County in Utah, betrieben vom US-Cleantech-Unternehmen Fervo Energy. Sie ist nach Einschätzung des Fachmediums Canary Media das weltweit erste Geothermiekraftwerk der nächsten Generation, das Strom in Kraftwerksgrosse verkauft.
Was bedeutet Enhanced Geothermal System (EGS)?
EGS ist die internationale Bezeichnung für ein Verfahren, bei dem Wärme aus heissem, trockenem Gestein gewonnen wird, in dem von Natur aus kein Wasser zirkuliert. In Deutschland heisst dasselbe Prinzip petrothermale Geothermie. Fervo bohrt dazu horizontal und frackt das Gestein, sodass Wasser künstlich zirkulieren, sich erhitzen und die Wärme an die Oberfläche bringen kann.
Wie viel Strom liefert Cape Station, und wer kauft ihn?
Der erste Block leistet 33 Megawatt, Phase I umfasst drei Blöcke mit rund 100 Megawatt, Phase II weitere 400 Megawatt, sodass die Anlage perspektivisch auf 500 Megawatt käme. Abnehmer sind Shell Energy, Google mit einem Vertrag über 396 Megawatt, Southern California Edison und die Clean Power Alliance mit 18 Megawatt. Insgesamt hat Fervo nach eigenen Angaben Abnahmeverträge über rund 900 Megawatt geschlossen.
Was kostet ein EGS-Kraftwerk im Vergleich zu einem Gaskraftwerk?
Fervo nennt für Phase I rund 6.150 Euro Investitionskosten je Kilowatt und für Phase II rund 4.830 Euro je Kilowatt. Ein neues Gaskraftwerk kostete in den USA 2025 laut BloombergNEF im Schnitt rund 1.900 Euro je Kilowatt, dafür fallen beim Gaskraftwerk dauerhaft Brennstoffkosten an, bei Geothermie nicht.