Das Wichtigste in Kürze
- Hyundai will künstliche Verbrenner-Sounds in künftige E-Autos einbauen
- Im Innenraum kann Sound-Emotion erzeugen, etwa bei Sportmodellen
- Außen wäre künstlicher Lärm ein klarer Rückschritt für die Elektromobilität
- Ab 2026 sind AVAS-Pflichtgeräusche bis 20 km/h in der EU vorgeschrieben
- Echte E-Auto-Fans schätzen die Ruhe, nicht künstlich erzeugten Lärm
Hyundai hat angekündigt, künftige Elektroautos mit künstlichem Auspuffknallen auszustatten. Klingt erstmal wie ein schlechter Witz aus dem Jahr 2010, ist aber eine ernst gemeinte Idee der Koreaner. Die Frage ist nicht ob das technisch funktioniert, sondern ob es irgendjemand wirklich braucht.
Was hat Hyundai eigentlich vor?

Konkret geht es darum, die akustische Lücke zu füllen, die ein E-Auto im Vergleich zu einem Verbrenner hinterlässt. Wer einmal einen alten BMW M3 mit manuellem Getriebe gefahren ist, weiß wovon die Rede ist: Das Knallen beim Schalten, das Brabbeln im Schubbetrieb, der sonore Klang unter Last. All das fehlt im Elektroauto komplett, und genau das will Hyundai simulieren.
Die Idee ist nicht komplett neu. Schon 2021 hat BMW mit dem i4 M50 und dem iX M60 an Sound-Designern wie Hans Zimmer zusammengearbeitet, um eigene E-Auto-Sounds zu komponieren. Der Unterschied: BMW hat versucht, etwas Eigenes zu kreieren. Hyundai plant offenbar, bestehende Verbrenner-Klänge zu imitieren, also Auspuffknallen, Drehzahlsprünge, vielleicht sogar das Knacken beim Zurückschalten.
Aus technischer Sicht ist das kein Hexenwerk. Ein E-Auto hat mehr als genug Lautsprecher an Bord, oft 8 bis 12 Stück für das Infotainment. Dazu kommen externe Lautsprecher, die ohnehin Pflicht sind, das sogenannte Acoustic Vehicle Alerting System, kurz AVAS. Ab Juli 2026 gilt in der EU eine verschärfte Regelung: E-Autos müssen bei Geschwindigkeiten bis 20 km/h künstlich Geräusche erzeugen, damit Fußgänger und Radfahrer sie hören können.
Hyundai will diese vorhandene Infrastruktur offensichtlich nutzen, um dem Fahrer ein emotionaleres Erlebnis zu bieten. Im Innenraum, versteht sich. Nach außen sollen die künstlichen Klänge dann doch bitte wie ein normales E-Auto klingen, leise, zurückhaltend, zivilisiert.
Warum Sound im Innenraum sogar Sinn ergeben kann
Bevor wir Hyundai komplett verurteilen, ein ehrliches Wort: Ein Elektroauto ist im Innenraum extrem leise. Nervig leise manchmal. Wer schon mal mit 180 km/h auf der Autobahn in einem Tesla Model S oder einem Hyundai Ioniq 5 unterwegs war, kennt das fast schon unheimliche Gefühl, wenn nur der Fahrwind und das Abrollgeräusch der Reifen zu hören sind.
Genau hier setzt die Idee an. Ein künstlich erzeugter Sound im Innenraum kann das Fahrgefühl verstärken, ähnlich wie ein guter Film-Soundtrack eine Szene intensiver macht. Bei einem sportlichen E-Auto wie dem Hyundai Ioniq 5 N, der bereits ein simuliertes 8-Gang-Getriebe mit Drehzahlmesser bietet, wäre ein dazu passender Sound fast schon konsequent. Die Koreaner haben mit dem N-Modell bewiesen, dass sie verstehen, wie man Fahrspaß in der Elektrowelt inszeniert.
Allerdings gibt es einen feinen Unterschied zwischen einem komponierten E-Auto-Sound und dem Imitieren eines Auspuffknallens. Ersteres ist ehrlich, weil es etwas Neues schafft. Letzteres ist Mimikry, die versucht, eine Antriebstechnologie nachzuahmen, die wir gerade überwinden. Audi hat das beim E-Tron GT mit dem Sound-Designer für den RS Avant verstanden und einen eigenen, futuristischen Klang entwickelt. BMW ebenso mit den Kompositionen von Hans Zimmer.
Hier eine kurze Übersicht, welche Hersteller wie mit Sound umgehen:
| Hersteller | Sound-Konzept | Eigenständig oder Imitation |
|---|---|---|
| BMW (iX M60, i4 M50) | Kompositionen mit Hans Zimmer | Eigenständig, futuristisch |
| Audi (E-Tron GT) | RS-spezifischer Synthesizer-Sound | Eigenständig, sportlich |
| Hyundai (geplant) | Imitation von Verbrenner-Klängen | Imitation, rückwärtsgewandt |
| Tesla (Model S Plaid) | Kein künstlicher Sound, nur Reifen | Verzicht auf Sound-Design |
| Porsche (Taycan) | Porsche Electric Sport Sound, optional | Eigenständig, optional zubuchbar |
Die Tabelle zeigt deutlich, wohin die Reise bei den meisten Herstellern geht: hin zu eigenständigen Klängen, nicht zur Nachahmung alter Technologien. Hyundai wäre mit der Imitationsstrategie ein Außenseiter.
Warum künstlicher Auspuffsound nach außen ein falsches Signal wäre
Stellen wir uns kurz folgende Szene vor: Du fährst 2026 mit einem nagelneuen Hyundai Ioniq 7 durch die Stadt, vor dir eine Kreuzung mit Fußgängern, Radfahrern, spielenden Kindern. Dein Auto wiegt 2,2 Tonnen, beschleunigt in 4 Sekunden auf 100, und klingt dabei wie ein getunter Golf 4 GTI aus dem Jahr 2003. Wäre das ein Fortschritt?
Wohl kaum. Einer der größten Vorteile von Elektroautos in der Stadt ist die Ruhe. Studien der WHO zeigen, dass Verkehrslärm in europäischen Großstädten für jährlich über 12.000 vorzeitige Todesfälle verantwortlich ist. Wenn E-Autos jetzt anfangen, künstlich Lärm zu produzieren, untergraben sie genau das Argument, mit dem sie sich verkaufen.
Hinzu kommt die Glaubwürdigkeit. Die gesamte Marketing-Maschinerie der letzten 10 Jahre hat den Kunden erzählt, dass E-Autos leise, sauber, modern und zukunftsweisend sind. Tesla hat daraus eine regelrechte Identität gemacht. Wenn Hyundai jetzt Auspuffknallen simuliert, sagt das Unternehmen im Grunde: Unsere eigene Technologie ist nicht gut genug, wir müssen sie mit Klängen aus der Vergangenheit aufpeppen.
Ein weiterer Punkt: Die junge Generation, die mit E-Autos aufwächst, empfindet Verbrenner-Sounds zunehmend als antiquiert. Wer heute 18 ist und einen Führerschein macht, hat oft nie einen Verbrenner besessen. Für diese Zielgruppe ist der Klang eines V8-Motors etwa so aufregend wie das Rattern eines alten Nähmaschinenmotors. Ihn künstlich ins E-Auto zu transplantieren, ist so, als würdest du einem Smartphone einen Wählscheiben-Ton verpassen.
Die technische Seite: Was kostet das eigentlich?
Sound-Design für E-Autos ist heute keine Raketenwissenschaft mehr. Die meisten Premium-Stromer haben bereits hochwertige Soundsysteme an Bord, oft von Marken wie Bose, Harman Kardon oder Bang & Olufsen. Diese kosten zwischen 800 und 2.500 Euro Aufpreis und liefern 12 bis 20 Lautsprecher.
Für ein zusätzliches künstliches Auspuffgeräusch braucht es:
- Zusätzliche Software-Module, die den Sound je nach Gaspedalstellung, Geschwindigkeit und Last erzeugen (Entwicklungskosten circa 2 bis 5 Millionen Euro pro Modellreihe)
- Bei Imitation von Verbrenner-Sounds: Lizenz- oder Sampling-Kosten, je nach Quelle
- Externe Lautsprecher für AVAS, die ohnehin schon vorhanden sind, also kein neuer Hardware-Aufwand
- Eventuell zusätzliche Dämmung, damit der Sound im Innenraum authentisch wirkt
Die laufenden Kosten pro Fahrzeug sind minimal, vermutlich unter 50 Euro. Der Aufpreis für den Kunden läge vermutlich zwischen 200 und 500 Euro als optionales Paket, vergleichbar mit dem Porsche Electric Sport Sound, der circa 500 Euro kostet.
Interessant wird es bei der Frage, ob der Sound immer aktiv ist oder abschaltbar. In Europa muss der externe AVAS-Sound unter 20 km/h dauerhaft aktiv sein. Innen-Sounds dürfen abschaltbar sein, und hier liegt der Knackpunkt: Ein Auspuffsound, den man jederzeit ausstellen kann, verfehlt seinen emotionalen Zweck. Einer, der sich nicht abstellen lässt, nervt im Alltag.
Was sagen E-Auto-Fahrer und die Community?

Die Reaktionen in den einschlägigen Foren, YouTube-Kommentaren und Reddit-Threads fallen eindeutig aus. Die überwiegende Mehrheit findet die Idee, Auspuffknallen zu simulieren, bestenfalls albern, schlimmstenfalls peinlich. Ein User auf Motor-Talk brachte es auf den Punkt: Ich will kein Auto, das so tut, als wäre es etwas, was es nicht ist.
Gleichzeitig gibt es eine kleine, aber lautstarke Minderheit, die sich genau das wünscht. Meist sind es ehemalige Verbrenner-Fahrer, denen der Klang fehlt, oder Petrolheads, die E-Autos generell skeptisch sehen. Für sie ist der künstliche Sound eine Brücke, ein Trostpflaster. Verständlich psychologisch, technisch aber unnötig.
In Testberichten zeigt sich ein ähnliches Bild. Der Hyundai Ioniq 5 N, der bereits simulierte Schaltvorgänge bietet, kommt bei Testern gut an, gerade weil das Gesamtpaket stimmt. Aber selbst dort ist der Sound kein Verkaufsargument, sondern ein Gimmick für die Sport-Variante. Im normalen Ioniq 5 oder Ioniq 6 hätte ein Auspuffknallen-Sound nichts zu suchen.
Andere Hersteller scheinen das ähnlich zu sehen. Weder Volkswagen mit dem ID.7, noch Mercedes mit dem EQE, noch BMW mit dem iX planen aktuell, Verbrenner-Sounds zu imitieren. Sie entwickeln eigene Klangwelten oder verzichten bewusst auf künstliche Sounds. Das ist ein deutliches Signal, wohin der Markt geht.
Wem nützt der künstliche Auspuffsound wirklich?
Hier muss man ehrlich sein. Die Antwort ist: vor allem Hyundai selbst, und zwar aus marketingstrategischen Gründen. Hyundai ist in Europa in Sachen Elektromobilität hinterher. Während Tesla, BMW und Volkswagen den Markt aufgeteilt haben, kämpfen die Koreaner um Aufmerksamkeit.
Ein künstlicher Auspuffsound sorgt für Schlagzeilen, für Diskussionen, für YouTube-Videos mit Millionen Klicks. Ob das positiv oder negativ ist, spielt dabei fast keine Rolle, solange der Name fällt. Die PR-Strategie dahinter ist nachvollziehbar, aber kurzsichtig. Denn langfristig schadet ein solcher Schritt dem Markenimage mehr als er nützt.
Wirklich profitieren würden nur eine kleine Gruppe von Käufern, die den Verbrenner-Sound emotional vermissen. Der große Rest, also die wachsende Zahl der E-Auto-Fahrer, die das leise Fahren schätzt, die urbane Bevölkerung, die unter Verkehrslärm leidet, und die junge Generation, die mit dem Verbrenner nichts mehr anfangen kann, wäre die Verliererin.
Mein Fazit
Hyundai darf im Innenraum seiner E-Autos klingen wie ein Lamborghini Countach, wenn die Kunden das wollen. Innen ist Privatsache, und solange der Sound abschaltbar bleibt, spricht wenig dagegen. Wer 70.000 Euro für einen sportlichen Elektro-SUV ausgibt und dabei das Gefühl eines Achtzylinders haben will, soll das bekommen können, ohne dass die Polizei vor der Tür steht. Das ist die eine Seite der Medaille.
Die andere Seite: Sobald dieser künstliche Sound nach außen dringt, macht sich Hyundai und die gesamte Elektroauto-Branche unglaubwürdig. Wir haben ein Jahrzehnt lang damit verbracht, den Menschen zu erklären, warum E-Autos leiser, sauberer und stadtverträglicher sind. Wenn jetzt Hersteller anfangen, genau diese Vorteile mit künstlichem Lärm zu kompensieren, verspielen wir den größten Trumpf der Elektromobilität. Hyundai sollte die Idee schnellstmöglich in der Schublade verschwinden lassen, das eigene Marketing würde es auf Dauer danken.
Häufige Fragen
Warum will Hyundai künstliche Auspuffgeräusche in E-Autos einbauen?
Hyundai will damit das emotionale Fahrerlebnis simulieren, das viele E-Auto-Fahrer im Vergleich zu Verbrennern vermissen, besonders bei sportlichen Modellen wie dem Ioniq 5 N. Es geht um Sound-Design im Innenraum, nicht um Lärm nach außen.
Sind künstliche Motorgeräusche in E-Autos in der EU erlaubt?
Ja, solange sie im Innenraum bleiben und abschaltbar sind. Nach außen gilt ab Juli 2026 die AVAS-Pflicht für Geschwindigkeiten bis 20 km/h. Zusätzliche künstliche Auspuffgeräusche, die über diese Vorgaben hinausgehen, wären problematisch.
Welche E-Autos haben bereits künstlichen Sound?
BMW bietet beim i4 M50 und iX M60 Kompositionen von Hans Zimmer an, Porsche hat den Electric Sport Sound für den Taycan, Audi einen RS-Sound für den E-Tron GT. Alle drei Hersteller setzen auf eigenständige Klänge, nicht auf Imitation.
Was kostet künstlicher Auspuffsound bei E-Autos?
Der Aufpreis für den Kunden liegt je nach Hersteller zwischen 200 und 800 Euro, beim Porsche Taycan zum Beispiel circa 500 Euro für das Electric Sport Sound-Paket. Die technische Umsetzung nutzt vorhandene Lautsprecher und ist daher günstig.